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Geleittext

Liebe Gemeinden!
In diesen Monaten helfe ich bei der Vakanzvertretung in der Nicolaigemeinde mit, einer Gemeinde, in der ich einmal als junger Anfänger gemeinsam mit meiner Frau Vikariat gemacht habe. Nun komme ich mit meinen Domerinnerungen an diese Gemeinde zurück. Und deshalb ist mir der Namenspatron der Kirche, Nikolaus von Myra, bewusster geworden als damals, ist uns doch auch im Dom der Namenspatron Mauritius als Offizier im Widerstand und ausländischer Christ wichtig und lieb geworden.

Es gibt keine Nikolausfigur hier in der Kirche. Die einzige Figur an einem Haus in der Schmidtstraße wurde schon vor Jahrzehnten gestohlen. Aber der Name des Heiligen prägt die Neustadt und ihr Wappen!
Im Dom gibt es einen Nikolausaltar. Und der macht deutlich, dass Nikolaus nicht nur der liebe Kinderheilige und Gabenbringer vom 6. Dezember ist. Auf dem rechten Altarflügel ist diese Szene abgebildet, aber sie sagt mehr als nur etwas über den lieben Brauch: Nikolaus hat die Goldstücke, die er durchs Fenster wirft, in ein Tuch eingewickelt, damit das Geräusch ihn
nicht verrät: „Wahre Liebe ist ganz leise“ heißt entsprechend ein bekannter Schlager. Heute wird jede Wohltat mit einem Riesenscheck in der Zeitung abgebildet und von der Steuer abgesetzt! Klingeln gehört zum Geschäft... Können wir noch in der Stille helfen, ohne Dank und Anerkennung zu beanspruchen?
Auf der anderen Seite fällt Nikolaus einem Hinrichtungskommando in den Arm, reißt dem Henker das Schwert aus der Hand und verhindert die Enthauptung dreier unschuldig zum Tode
Verurteilter: Mut und Courage gehören zu solchem Handeln, das sich mit der Macht und der Justiz Weitere erstaunliche Beispiele seines zivilen Ungehorsams: Während einer
Hungersnot in Myra lässt er die vorbeifahrenden Getreideschiffe des römischen Kaisers „erleichtern“, ohne dass dies in der Hauptstadt bemerkt werden sollte; fast ein Robin Hood
war dieser Nikolaus!

Wie würden wir reichen Deutschen reagieren? Die Plünderung müsste heute bei uns beginnen, wollte man wirksame Hilfe gegen den Hunger leisten! Aber auch in religiösen Dingen war Nikolaus nicht zimperlich: Die Eiche der Diana, ein vorchristliches Götzenbild, ließ er fällen, als wolle er mit Luther sagen: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ Woran hängen wir unser Herz? Was sind die Götzenbilder von 88% Nichtchristen in Magdeburg?


Nikolaus ist ein subversiver Heiliger! Er hatte wie alle Heiligen nicht nur Zivilcourage, sondern mehr noch Gottescourage! Die Reformatoren lehrten uns, „dass man der Heiligen gedenken soll, damit sie unseren Glauben stärken“, und „außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen“ (CA 21). Wie provokant und aufregend kann das für eine  irchengemeinde  ein, diesem Namensheiligen nachzufolgen und jeden Tag zum Nikolaustag zu machen?!
                                                                                                  Giselher Quast, Domprediger i.R.